Martin Grießner feiert das Leben
beim 24-h-Rennen am Nürburgring
7. + 8. September 2013



Liebe Freunde, Kollegen, Verwandte, Bekannte, Radsportbegeisterte und vielleicht sogar einzelne Fans!

Am 7. September um 13:15 war es also wieder einmal so weit. Ich stand am Start eines Extremradrennens, wohl gemerkt, nicht irgendeines Rennens, sondern genau an diesem besonderen Ort, auf dieser Wahnsinnsstrecke, genau dort, wo ich 2004 ziemlich spektakulär (nach 15 Minuten verspätetem Start) gewonnen habe:
Beim 24h-Rennen auf der Nordschleife des Nürburgrings.

Der Nürburgring ist Kult. Eine Runde, so wie wir sie gefahren sind, hat 26 km mit über 500 HM! Da geht’s nur rauf (mit bis zu 17% Steigung) und runter (mit bis zu 100 km/h)! Das ist eine extreme Herausforderung für Körper, Kopf und Seele – und wenn man sich die Sache richtig einteilt, dann ist es einfach nur geil!
Mein diesjähriges Antreten hat mit dem Radeln von früher allerdings rein gar nichts mehr zu tun. Damals war ich ein Radsportbesessener, hab’ trainiert wie ein Irrer und der Extremradsport und meine Leistungen in diesem Bereich waren für mich extrem wichtig – im Rückblick viel zu wichtig. Das war nicht wirklich gesund.
Heuer stand mein Antreten unter dem Motto »Feier das Leben!«, weil es so ein wunderbarer, glücklicher Zufall war, dass ich dieses Rennen noch einmal in so einer guten körperlichen Verfassung fahren durfte!

Die Vorbereitung:
Im Grunde genommen hatte ich das Thema Extremradsport in den letzten Jahren ja schon komplett abgehakt. Ich bin zwar 2008 noch einmal am Nürburgring gestartet – und immerhin 7. geworden, es hat aber keinen Spaß gemacht, weil die ganze Vorbereitung und auch das Rennen ein einziger Kampf & Krampf war. Ansonsten bin ich zwar jedes Jahr ein paar tausend Kilometer geradelt, hatte aber keine Wettkampfambitionen mehr.
Doch heuer ist etwas passiert, womit ich nie im Leben mehr gerechnet habe. Ich hatte ein klein bisschen mehr Zeit zum Radeln und konnte meine Radtouren auch das eine oder andere Mal mit meiner Arbeit verbinden - z.B. mit dem Rad zu einer Veranstaltung in den Lungau und am nächsten Tag wieder zurück. Dazu kam, dass sich in meinem Privatleben einiges veränderte, was sich sehr befreiend auf mich und meine Gedanken auswirkte – ich hatte und habe zum ersten Mal seit langem wieder den Kopf frei zum Radeln. Und zusätzlich stellte ich noch mein Frühjahrstraining komplett um: Ich fuhr alleine maximal 100km – 3 bis 3 1/2 Stunden sind wirklich lustig – alles darüber war mir zu anstrengend!
Diese Kombination in Verbindung mit dem einen oder andern Kilogramm weniger als in den letzten Jahren ließ mich bald erstaunliche Zeiten auf die verschiedenen Berge in meiner Umgebung zaubern – und dabei kamen dann die ersten Überlegungen in Richtung Nürburgring – träumen wird man wohl noch dürfen...
Mitte Juli wollte ich es dann wirklich wissen und fuhr eine etwas intensivere Bergtour – Rossfeld + Trattberg + Postalm – es lief ziemlich gut. Das Besondere kam aber erst nach den Bergen: Strobl bis Salzburg mit 33 km/h im Schnitt – und das nach ca. 3.300 HM. Damit wusste ich, dass heuer etwas Besonderes möglich ist – und meldete mich zum Rennen an.

Das Betreuerteam:
Um ein besonders Rennen fahren zu können braucht man aber natürlich auch ein besonderes Betreuerteam – und das hatte ich sehr schnell zusammen. Auf meine Andeutung, dass ich vielleicht noch einmal am Nürburgring starten werde, meinte meine Schwester nur: »Wann geht’s los?« Dass Sie dabei sein wird war sofort klar. Und für mich war es gut, eine Betreuerin dabei zu haben, mit der die Kommunikation teilweise sogar telepathisch funktioniert. Auch meine zwei Jungs Maximilian und Tobias waren sofort Feuer und Flamme für die Idee. Leider hatte Tobias am Montag Schulbeginn und konnte daher nicht mitkommen. Maximilian hat zu Kompensation dafür doppelten Einsatz gezeigt – vor, während und nach dem Rennen. Abgerundet hat das Team dann noch Sebastian, ein guter Freund, immer für einen trockenen Witz gut und auch in Stresssituationen nicht aus der Ruhe zu bringen. Kurzum mein Dreamteam!

Das Rennen:
Da stand ich dann also am Start, sage und schreibe 5.762 Trainings-km in den Beinen – das ist quasi nichts im Vergleich zu meinen Konkurrenten und im Grunde genommen viel zu wenig für so ein Rennen. Ich fühlte mich aber Top in Form – und ich war es auch, was mir ein Belastungstest bei der Sportmedizin in Salzburg 10 Tage vor dem Rennen bestätigte. Meine körperlichen Werte waren mit denen von 2004 vergleichbar – und das mit ca. 1/3 des Trainings!
Ich startete ganz bewusst von ganz hinten und fuhr als letzter über die Startlinie, um von Anfang an mein eigenes Tempo fahren zu können und mich keinesfalls zu einer Tempobolzerei am Anfang verleiten zu lassen. Obwohl ich dadurch in der ersten Runde ca. 6-8 Minuten »im Stau« verlor, ging die Taktik auf – ich fuhr konstante Rundenzeiten um die 52 Minuten und blieb damit im Grundlagenausdauerbereich – auch über die hohe 8 fuhr ich nie mehr als 3 mmol Lactat, obwohl es schon sehr gejuckt hätte, da einmal voll »drüber zu blasen«.
In der Fünften Runde kam dann ein kurzer, aber intensiver Schockmoment – im leichten Nieselregen verabschiedete sich in einer sehr schnellen, nach außen hängenden Rechtskurve mein Vorderrad (immer diese Probleme mit dem Reibungskoeffizienten...) und ich schrammte mit ca. 70 km/h über den Asphalt. Kurz dachte ich: »Das war’s mit meinem Genussprojekt – Abflug ins Krankenhaus. Das habe ich nötig gehabt …« Doch als ich dann neben der Strecke stand, bemerkte ich, dass mir eigentlich nichts weh tat – meine rechte Seite sah (und sieht noch immer) zwar ziemlich krass aus – klassischer Asphaltausschlag vom Wadel über die Hüfte bis zum Unterarm, ansonsten war aber alles in Ordnung. Und so fuhr ich halt weiter – und kam mir dabei schon ziemlich cool vor – »bin i a hoata hund« ;-).

Nach der 8ten Runde blieb ich kurz stehen, um mein Licht zu montieren bzw. mitzunehmen. Gleichzeitig gab’s eine Portion Nudeln, etwas wärmere Kleidung und Überschuhe. Ich war ganz erstaunt, dass ich schon 11ter war und verabschiedete mich zur ersten »Night-Session«  - 6 Runden bei Finsternis durch die »grüne Hölle« – so lange sollte der erste Akku reichen  Dabei hat sich wieder einmal meine Lupine-Xenon-Lampe am Helm bewährt – die Fuchsröhre geht auch in der Nacht mit über 90 km/h! Leider musste ich diese erste »Night-Session« schon in der 2ten Runde für eine WC-Pause, die mir ca. 12 Minuten gekostet hat, unterbrechen. Aber was sein muss, muss halt sein. Bei der Gelegenheit wurde ich dann auch mein zerrissenes Radtrikot los und bekam neben einer Banane auch ein Unterleibchen verpasst. Ansonsten fuhr ich konstant Rundenzeiten knapp unter einer Stunde.
Nach der 14. Runde musste ich den Akku wechseln. Dabei gab’s dann noch mal Nudeln und eine Banane zum Essen. Daneben erzählte mir meine Schwester, dass ich schon 7ter bin und ständig weiter aufhole. Das wollte ich hören und zischte wieder davon. Ich wusste, dass ich noch Reserven habe und sich der Aufwärtstrend noch weiter verstärken wird, je länger und härter das Rennen wird.
Und es wurde härter: Es begann in Strömen zu schütten, Blitze zuckten über den Himmel und es wurde deutlich kälter – und ich war mit Sicherheit der einzige am Kurs, der sich darüber freute! Bei diesen Bedingungen braucht man etwas mehr Substanz – und 88 kg kühlen einfach nicht so schnell aus wie z.B. 60 kg! Ich hatte richtig Spaß mit mir selbst im Regen, auch wenn die Abfahrten durch den dichten Nebel mehr einem Blindflug ohne Radar glichen. Nach so vielen Runden auf diesem Kurs wusste ich aber ziemlich genau, wann welche Kurve kommt und war daher bergab nicht gar so viel langsamer als in der Finsternis ohne Nebel.
Umso enttäuschter war ich dann aber natürlich als ich nach meiner 17ten Runde abgewunken wurde – Rennunterbrechung wegen des schlechten Wetters. Ich dachte: »Das gibt’s doch nicht. Wegen dem »bisschen Regen« – in Salzburg ist man da anderes gewohnt. Wir sind ja Extremradsportler und keine Warmduscher...!« Andererseits wollte ich nach dieser Runde sowieso kurz stehen bleiben und wärmere Sachen anziehen.

Dann hieß es warten. Wann geht es weiter? Geht es überhaupt weiter? Dass ich in der 17ten Runde auf den 4ten Platz vorgefahren bin und auf den 3ten ca, 15 Minuten aufgeholt habe, hat mich natürlich sehr motiviert, weiter zu fahren. Andererseits hätte ich mit einem Abbruch zu diesem Zeitpunkt auch gut leben können. Ich nutzte die Pause jedenfalls zum Umziehen und Essen – und meine Betreuer umsorgten mich von vorne bis hinten. Ich musste wie üblich keinen Handgriff selber machen. Alles wurde für mich erledigt – es ist schon toll, wenn man nur sagen muss, was man braucht, und schon ist man umgezogen, hat eine Banane gegessen und ein Teller mit warmer Nudelsuppe steht bereit – das war echt absolut megasuper!

Um 8:00 hieß es dann: Neustart um 8:30. Und von einem Moment auf den anderen sprang in mir der ehrgeizige Rennfahrer an. Das Ziel war klar: 5 Runden Vollgas, damit sich der 3te Platz vielleicht doch noch ausgeht. In diesem Moment zeigte sich die »Realitätsverschiebung«, die einem bei so einem Rennen oft widerfährt. 5 Runden sind nicht weniger als 128 km mit 2.500 HM – das  ist für sich alleine schon eine ordentliche Radtour, wie man sie nicht gar so oft fährt. Wenn man bedenkt, dass ich zu diesem Zeitpunkt schon 440 km mit 8.500 HM in den Beinen hatte, dann wird die Aussage »5 Runden Vollgas« noch absurder...

Und dann ging es wieder los. Ich fühlte mich gut und war ziemlich schnell unterwegs. Wie gesagt, ich hatte noch Reserven. Leider vergaß ich vor lauter Rennfahren auf’s Essen und so schlich sich in der 3ten Runde ein leichter Hungerast ein, den ich aber rasch überwand. Leider nutzte dieser Schuss vor den Bug aber nichts, ich aß weiterhin zu wenig und war die letzten 2 Runden fast durchgehend im Unterzucker unterwegs – das war ziemlich hart, eigentlich absolut unnötig und hat mir zusätzlich noch einiges an Zeit gekostet. Quasi als Ausgleich hatte ich in der letzten Runde einen Staffelfahrer als Begleiter, der mich fast durchgehend anfeuerte und meine Leistung bewunderte.

Im Ziel überwog dann natürlich die Freude über die tolle Leistung. Mein Team war sehr schnell bei mir und wir feierten gemeinsam. Das einzige, was die Freude etwas beeinträchtigte war die Tatsache, dass wir nicht wussten, ob ich jetzt 4ter geblieben bin, oder ob sich der Sprung auf den 3ten Platz doch noch ausgegangen ist. Diese Ungewissheit hat sich dann erst bei der Siegerehrung aufgelöst: Ich wurde Gesammt-4ter, aber 3ter in meiner Altersklasse – ich finde, das ist ein großartiger Erfolg, vor allem bei dem wenigen Training. Zum Vergleich: der Sieger Markus Rieber radelt angeblich ca. 30.000 km im Jahr – und alle, die im Vorderfeld rund um mich platziert sind trainieren zumindest 2- bis 3mal so viel wie ich!

Zu meinen Betreuern noch folgendes: Es war heuer relativ einfach, mich zu betreuen, weil ich alles essen konnte, was ich wollte. Früher war mein Magen oft der limitierende Faktor bei so langen Rennen. In Grunde genommen ist es mir mit der Verdauung noch nie so gut gegangen wie heuer. Trotzdem änderten sich meine Essenswünsche manchmal recht kurzfristig. So bestellte ich in der Nacht einmal Nudeln für die nächste Runde und wollte eigentlich kurz stehen bleiben, um zu essen. Auf der Runde ging es mir dann so gut, dass ich doch durchfahren wollte und dachte bei mir, dass eine Flasche mit Nudelsuppe jetzt genau das richtige wäre.
Und siehe da, als ich auf meine Betreuer zufuhr rief meine Schwester »Nudeln oder Nudelsuppe?« Ich griff mir die Flasche mit der Nudelsuppe und dachte mir: »Was für ein Glück – 100% Wunscherfüllung bei 0,0 Sekunden Zeitverlust – einfach herrlich!«

Und zum Abschluss noch einmal die Daten zu meinem Husarenritt:
568,84 km
mit 11.000 HM
in einer Zeit von 21 Stunden 42 Minuten und 11 Sekunden.

Das entspricht einem Schnitt von 26,21 km/h. Wenn man die Pausen abzieht, dann bin ich netto einen Schnitt von 26,76 km/h gefahren. Nicht schlecht, oder? Ich bin jedenfalls ziemlich stolz auf mich!

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(c) Text: Dr. Martin Grießner; Bild: http://www.sportograf.com, Dr. Martin Grießner;
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