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© 2008 martin grießner | impressum
   
07.10.2008
24h am Nürburgring 2008!


Ende August (23./24.) bin ich also wirklich noch ein letztes Extremradrennen gefahren, das 24h Rennen am Nürburgring. Und das sehr gut: 25 Runden auf der Nordschleife des Nürburgrings – das sind in Zahlen ausgedrückt etwas mehr als 580 km mit 12.500 HM in 24 h 22 min, Platz 7 in der Gesamtwertung bzw. Platz 4 in meiner Klasse. In Anbetracht der kurzen Vorbereitung und der Schwierigkeiten während des Rennens ist es ein Wunder, dass ich diese Leistung, auf die ich übrigens sehr stolz bin, geschafft habe.

Vorgeschichte:
Im Laufe des Jahres 2007 habe ich mich schön langsam von meiner schweren Krankheit im Jahr davor erholt. Ich bin wieder etwas mehr geradelt (in Summe ca. 12.000 km, davon ca. 7.000 km mit dem Rennrad), habe mir dabei aber keinen Druck gemacht. Ich hab’ weder auf die Durchschnittsgeschwindigkeit, noch auf die Zeit oder auf die gefahrenen Watt geschaut, sondern bin einfach so gefahren wie ich mich gerade gefühlt habe.
Über den Sommer wurde ich aber immer stärker und im Herbst war ich überraschenderweise wieder ganz gut in Form. Als ich meinen Freund Franz dann bei einem Rennen betreute kam zum ersten Mal wieder so etwas wie Rennfieber bei mir auf. Und bald darauf entwickelte sich die Idee, noch ein letztes Extremradrennen fahren zu wollen.
Meine Wahl fiel relativ schnell auf das 24h Rennen am Nürburgring, das ich 2004 auf so spektakuläre Weise gewonnen habe.



Die Vorbereitung:
Nach sehr wenigen Einheiten auf der Rolle im Herbst und Winter begann ich sehr bald draußen zu trainieren. Doch leider konnte ich arbeitsbedingt nur wenige der schönen Tage nutzen und mir kamen die ersten Zweifel, ob es wirklich Sinn macht, das Rennen mit semioptimaler Vorbereitung zu fahren.
Doch dann, Anfang April, der erste echte Lichtblick: Eine Woche Trainingslager auf Lanzarote. Da merkte ich, dass ich mein Talent für lange Strecken nicht verloren habe. Ich wurde dort nämlich von Tag zu Tag stärker. Und am letzten Tag fuhr ich eine »Inselrunde« – 190 km mit über 3.000 HM. Wer schon einmal auf Lanzarote war, der weiß, dass das dort auf Grund des starken Windes der absolute Wahnsinn ist. An diesem Tag bin ich fast jede Steigung auf dieser Insel gefahren und am Schluss sogar noch die »Mauer von Femes« – am Ende ein km mit 20% Steigung!
Diesen Schwung von der Insel wollte ich dann eigentlich für das weitere Training in Salzburg mitnehmen. Doch leider folgte noch eine sehr anstrengende Arbeitsphase mit nur ein bis zwei Trainingseinheiten in der Woche.



Die intensive Vorbereitungsphase für das Rennen begann erst am 24.5., also ziemlich genau 3 Monate von dem Rennen. In dieser Phase bin ich ca. 2000 km pro Monat geradelt. Zuerst hauptsächlich Grundlagenausdauer, mit der Zeit aber auch immer mehr Kraftausdauereinheiten. Bei sportmedizinischen Tests in der Mitte und am Ende dieser Phase erreichte ich zu meinem Erstaunen fast annähernd die Werte, die ich auch 2004 hatte. Und das mit ca. halb so viel Training!?
Doch auch diese Phase war von vielen Zweifeln begleitet. Hochs und Tiefs wechselten sich (zum Teil sehr schnell) ab. Nach meiner ersten 230 km Tour war ich so fertig, dass ich kaum etwas essen konnte. Da dachte ich mir, dass das sicher nichts mehr wird und ich bezweifelte den Sinn meines Vorhabens. Zwei Tage später fuhr ich meine nächste lange Tour und es ging mir schon viel besser. So trainierte ich weiter und wurde Schritt für Schritt stärker.
Drei Wochen vor dem Rennen kam dann ein sehr positives Aha-Erlebnis in Form einer sehr langen Trainingseinheit: 286 km mit über 3.000 HM von Völkermarkt in Kärnten nach Salzburg (inklusive Umweg über’s Wiestal...) mit einem Schnitt von 29,9 km/h. Da wusste ich endgültig, dass ich das Rennen sehr gut werde fahren können.
Doch zwei Wochen vor dem Rennen bekam ich wieder einen richtig tollen Dämpfer. Ich wollte eine letzte ganz lange Bergtour fahren – 300 km mit 6.000 HM waren geplant – quasi als Generalprobe. Doch es ging nicht. Ich musste nach 25 km umdrehen – ich hatte keine Kraft. Körperlich ging es mir gut, aber der Kopf spielte nicht mit. Ich war nicht bei der Sache und stellte mir die Frage, warum ich mir diese Schinderei überhaupt antun will.
Doch auch dieses Tief konnte ich überwinden, fuhr noch ein paar kürzere Trainingseinheiten und spürte, wie die Vorfreude auf das Rennen von Tag zu Tag stieg.
Im Nachhinein denke ich, dass mir die lange Tour so kurz vor dem Rennen wahrscheinlich mehr Kraft gekostet als gebracht hätte und vielleicht hat mein Unterbewusstsein deshalb die Notbremse gezogen.



Die Stecke:
Eine Runde auf der Nordschleife des Nürburgrings, so wie wir sie gefahren sind, hat etwas mehr als 23 km mit 500 HM. Allein an diesen Eckdaten erkennt man schon, dass es dort fast durchgehend rauf und runter geht und es kaum einmal flach ist. Am Beginn der Runde geht es sehr viel bergab – 3 sehr schnelle Abfahrtspassagen (Spitzengeschwindigkeit übe 95 km/h!) mit relativ kurzen, aber sehr steilen Gegenanstiegen dazwischen. Dann ist man am tiefsten Punkt angelangt und es folgt ein relativ langer, aber nicht sehr steiler Anstieg (5-7 %). Doch nach einem kurzen Flachstück folgt der absolute Hammer, der Anstieg zur Hohen Acht – ca. 300 Meter mit 18 % Steigung! Dieser Anstieg wird jede Runde länger und höher!
Danach geht es den Rest der Runde ziemlich hügelig dahin. Wirklich flach ist eigentlich nur die Zielgerade. Auf dieser herrschte jedoch fast durchgehend starker Gegenwind.

Das Rennen:
>>Foto-Live-Bericht ansehen …
Ein Laktattest bei der Sportmedizin in Salzburg drei Tage vor dem Rennen zeigte mir, dass ich wirklich gut vorbereitet war. Und trotz der vielen Zweifel in der Vorbereitung und der Tatsache, dass ich nur sehr wenige Trainingseinheiten über 200 km absolviert hatte, stand ich sehr Zuversichtlich am Start.



Von Anfang an versuchte ich, mein Tempo zu finden und mich nicht vom Tempo der anderen mitreißen zu lassen. Das gelang mir zwar nicht ganz so, wie vorgenommen, aber doch ganz gut. Ich fuhr konstant Rundenzeiten zwischen 49 und 51 Minuten. Leider traten aber schon nach 2 bis 3 Stunden die ersten Knie- und Rückenschmerzen auf. In der Vorbereitung hatte ich immer wieder an der Sitzposition am Rad »herumgebastelt« und offensichtlich bis zum Schluss nicht die optimale Einstellung gefunden. Doch damit musste ich jetzt leben.
Dass es recht bald auch regnete und damit »saukalt« wurde (In der Nacht hatten wir 8°C! Über die 24h zeigte mir mein HAC4 eine Durchschnittstemperatur von 12°C an!) machte mir dagegen gar nicht so viel aus.



Nach 10 Runden (knapp nach Einbruch der Dunkelheit) stieg ich zum ersten Mal kurz vom Rad – Frisches Gewand und Schuhe, Licht am Rad montieren und ein Teller Nudeln mit Tomatensauce standen am Programm – nach ca. 20 Minuten ging’s wieder hinaus auf die Strecke. Und war ich die 10te Runde mit nur einem kleinen Stecklicht noch halb im Blindflug gefahren, so konnte ich nun auf Grund meiner tollen Beleuchtung (Xenonlicht von Lupine) auch bergab wieder voll attackieren. Das nützte ich aus und lotete vor allem bei den kurvigen Abfahrten die Grenzen immer weiter aus. Das war jede Runde eine neue Herausforderung und auch ein neuer Kick!
Abgesehen von einer kurzen WC-Pause nach der 13. und einer Lichtwechsel-Pause nach der 14. Runde fuhr ich die ganze Nacht nonstop durch. In der 19. Runde wurde es dann langsam wieder hell. Ich freute mich schon sehr auf die Sonne und das Licht. Die Nacht war doch sehr anstrengend gewesen und weil Rücken, Nacken und Knie konstant schmerzten war es schon eine ganz schöne Quälerei.



Nach dieser19ten Runde hatte ich eine Kurze Pause geplant auf die ich mich auch schon sehr freute. Doch aus der kurzen Pause wurde eine sehr lange. Als ich mich nämlich kurz hinsetzte klappte mein Kreislauf zusammen. Mein Puls purzelte in den Keller, die Schmerzen waren plötzlich auch viel stärker (ich konnte ohne Hilfe kaum aufstehen!) und ich fühlte mich total leer. Nach dem Umziehen und einer ordentlichen Portion Nudeln ging es mir zwar wieder besser, aber die Motivation reicht noch nicht aus, um weiterzufahren. Mir gingen sehr viele Gedanken durch den Kopf und eigentlich war ich zufrieden mit dem, wie ich bis zu diesem Zeitpunkt gefahren war. Es wäre für mich in Ordnung gewesen, das Rennen nun zu beenden. Doch dann fielen mir die 19 Runden wieder ein – 19, das ist doch keine Runde Sache dacht ich bei mir – eine 20ste Runde wäre schon noch schön – noch einmal die tollen Abfahrten genießen – 20 Runden mit 10.000 HM – das wäre doch wirklich eine runde Sache! Und als ich mir das so dachte, da Sprach meine Lebensgefährtin Claudia genau diesen Gedanken aus. Das war der letzte Anstoß, den ich noch brauchte. Ich sagte »OK, eine 20ste Runde fahre ich noch!«, stand (ohne Hilfe) auf und stieg wieder auf’s Rad.



Doch schon nach den ersten Tritten war mir klar, dass es nun wieder weiter geht und nicht nur die 20ste Runde folgen wird. Zur Sicherheit blieb ich aber bis zum Schluss bei den Boxen nicht mehr stehen – ich wollte verhindern, dass mein Kreislauf, mein innerer Schweinehund oder was auch immer noch einmal zuschlägt und ich wirklich nicht mehr weiter fahre. Alles was ich an Verpflegung noch brauchte nahm ich mir im Vorbeifahren mit. Und so wurden es tatsächlich noch 6 Runden.

Ziel erreicht!
Im Ziel musste ich dann kurz mit den Tränen kämpfen – meine Gedanken gingen zurück ins Jahr 2006 – was für ein Unterschied – damals habe ich kaum 30 km im Flachen geschafft und jetzt wieder 580 km mit all den Steigungen – der Absolute Wahnsinn.



Perfekte Betreuung:
Betreut haben mich am Nürburgring meine Lebensgefährtin Claudia, meine Schwester Elfriede und meine zwei Söhne Maximilian und Tobias. Claudia und Elfriede waren ja schon von 2002 bis 2004 bei allen Rennen dabei. Das hat sich heuer besonders ausgezahlt, da sich die beiden besser an den Ablauf der Betreuung erinnerten als ich und mir daher beim Erstellen das Rennplans sehr viel helfen konnten. Maximilian und Tobias waren auch nicht nur als Glücksbringer mit dabei, sondern halfen jeder auf seine Art kräftig mit.
Während des Rennens bekam ich immer genau das, was ich gerade brauchte, auch wenn sich meine Wünsche manchmal recht kurzfristig änderten (Frage: Müsliriegel oder Reisauflauf? – Antwort: Soletti!). Und in der langen (Zwangs-)Pause bekam ich sehr viel ruhige Zuwendung und im richtigen Moment genau die richtigen Gedanken und Worte.
Ein herzliches Dankeschön dafür!



Was kommt jetzt?
Mit dem Extremradsport ist jetzt wirklich Schluss – das wusste ich zwar schon vor dem Rennen, doch nach der Zieldurchfahrt war ich mir ganz sicher. Nicht nur, weil mir alles weh tat, sondern weil ich fühlte und fühle, dass dieses Kapitel nun abgeschlossen ist.
Ich werde zwar weiter Rad fahren, doch keine so langen Strecken mehr – nur noch zum Ausgleich, zur Erholung und zum Stressabbau. Ich brauche diese extremen Anstrengungen einfach nicht mehr...

Zu guter Letzt ...

... möchte ich auch noch meine Sponsoren danken, die mich all die Jahre hindurch unterstützt haben und die auch nicht abgesprungen sind, als ich krank war. Das war ein wichtiger Beitrag dazu, dass ich dieses letzte Rennen noch fahren konnte.

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