20./21.8.2004
– 24-h-Rennen-Nürburgring · Platz 1
Mein erster Sieg!
Vorbereitung
Wie ich schon in meinem Vorbericht geschrieben habe, war ich vor
diesem Rennen so gut in Form wie noch nie zuvor. Daher war auch
meine Zielsetzung dementsprechend: Offiziell strebte ich einen Platz
unter den ersten 3 an. In Wirklichkeit wollte ich aber nur eines:
Den Sieg bei diesem Rennen. Darauf war mein ganzes Training und
eigentlich jede Faser meines Körpers ausgerichtet.
Das Einzige, das mir vor dem Rennen noch etwas Kopfzerbrechen bereitete,
war mein Rennrad. Mir ist nämlich bei meinem „black magic“
CAAD7 von Cannondale bei meiner Fahrt nach Innsbruck ca. 2 Wochen
vor dem Rennen am Nürburgring mein Rahmen gebrochen (Spätfolge
meines Sturzes im Frühjahr). Ich brauchte also dringend adäquaten
Ersatz. Nur dem Einsatz meines Radhändlers und Förderers
Erich Brenner habe ich es zu verdanken, dass ich noch rechtzeitig
einen neuen Rahmen von Cannondale bekommen habe. Ich habe meinem
neuen Rad den Namen „blue rocket“ gegeben, und wie man
am Ergebnis sehen kann ist dieses Rad wirklich eine Rakete!
Wer sonst noch am Start sein würde interessierte mich eigentlich
gar nicht. Mir wurde nur gesagt, dass ein gewisser „Stefan
Lau“ wahrscheinlich mein Hauptkonkurrent sein würde.
Ich kannte diesen Typen nicht. Das einzige, das ich von ihm wusste
war, dass er vor einigen Wochen über die Homepage des 24h-Rennens
am Nürburgring verbreitete, dass er mit 732 km einen neuen
24h-Weltrekord auf einer offenen Bahn aufgestellt hat.
Ich konnte über diese Meldung nur lachen, da ich weiß,
dass der Weltrekord unter diesen Bedingungen von Michael Secrest
gehalten wird. Dieser fuhr schon 1996 857,362 km. Das sind immerhin
satte 125 km mehr! Zur Ehrenrettung von Stefan Lau muss ich allerdings
erwähnen, dass ich vor einigen Tagen erfahren habe, dass diese
Falschmeldung bezüglich Weltrekord nicht von Stefan Lau ausging,
sondern auf einem Missverständnis zwischen Lau und den Veranstaltern
des Rennens am Nürburgring beruhte.
Jedenfalls hatte ich durch diese Sache keinen Respekt (rein sportlich
gesehen) vor Lau, da ich mir dachte, dass ich bei meiner aktuellen
Form weit mehr als 732 km in 24 Stunden schaffen würde. Was
ich allerdings nicht wusste war die Tatsache, dass dieser Stefan
Lau beim RAAM 2002 Vierter (!) wurde. Eigentlich ist er also ein
ganz schönes Kaliber von Extremradsportler. So gesehen war
es eigentlich gut, dass ich das vorher nicht wusste!
Das Rennen vor dem Rennen
Von Bergheim bis zum Nürburgring ist es ja ganz schön
weit (fast 700 km). Um diese Strecke möglichst schnell und
ohne Probleme zu überwinden ließ ich mir vom ÖAMTC
Rutenplaner die beste Verbindung berechnen. Vorhergesagte Fahrzeit:
6 h 35 min. Um etwas Spielraum zu haben, fuhren wir um 9:00 in Bergheim
los – 10 h 30 min vor dem Start. Doch schon vor München
standen wir das erste Mal im Stau. Desgleichen bei Augsburg, Stuttgart,
Pforzheim, Karlsruhe, Ludwigshafen... Dazu kam, dass das ausgeliehene
Wohnmobil mit dem wir unterwegs waren kaum über 100 km/h ging.
Und so wurde die Zeit immer knapper und knapper.
Schließlich kamen wir exakt um 19:30 beim Nürburgring
an. Ich hörte gerade noch das Startsignal für das Rennen.
„Gott sei Dank“ durften wir aber nicht sofort zufahren,
da wir erst einen Passierschein aus einem bestimmten Büro in
einem bestimmten Gebäude (Gott sei Dank gleich nebenan) besorgen
mussten. Da kam schon leichte Hektik auf.
Als wir endlich drinnen waren und unseren zugewiesenen Parkplatz
gefunden hatten besorgte meine Schwester Elfriede die Startnummer,
während Claudia und ich das Rad vorbereiteten. Maxi hatte in
dieser Phase absolutes Redeverbot. Ich selber hatte mich schon während
der Fahrt komplett adjustiert. Ich sprang also schon im Radgewand
mit Helm (inklusive Stirnlampe) auf dem Kopf und mit den Radschuhen
an den Füßen aus dem Wohnmobil.
Elfriede kam binnen einer Minute mit Starnummer und Zeitnehmungschip.
Bei der Montage dieser Sachen halfen uns noch ein paar kompetente
Radfahrer, und nach einer kurzen Irrfahrt (Hinter den Boxen ein
mal rauf und ein mal runter) war ich endlich am Kurs. Um exakt 19:44
startete ich zu meinem 24h-Rennen.
Doch dann passiert noch etwas. Ich wurde zuerst auf die kurze (jetzige)
Gand Prix Strecke geschickt. Um wieder zu Start und Ziel zu gelangen
musste ich zuerst eine Absperrung überwinden und dann noch
einmal durch die Boxen auf die Strecke! Daher überquerte ich
um 19:55 noch einmal die Startlinie. Immerhin 25 min nach den Anderen.
Da habe ich schon ganz schön laut geflucht! Ich ärgerte
mich über die zusätzlich verlorenen 11 Minuten. Im Nachhinein
habe ich allerdings erfahren, dass alle anderen auch zuerst eine
3/4 Runde auf der neuen GP-Strecke zurückgelegt haben. Da war
aber die Absperrung noch nicht da!
Die Strecke
Nach meiner Odyssee und der damit verbundenen Hektik war ich also
endlich auf der richtigen Strecke. Und das wirklich positive an
meinem „Spätstart“ war, dass ich die Strecke wirklich
komplett für mich alleine hatte. Bei dem ganzen auf und ab
braucht man sowieso keine Gruppe und ich brauchte mich auch nicht
fürchten, im Peleton von irgend einem „Zick-Zack Fahrer“
abgeschossen zu werden. Ich konnte die erst Runde wirklich nutzen
um die Nordschleife kennen zu lernen.
Gleich am Anfang war der von mir „High speed“ benannte
Teil. Einige längere Abfahrtsstrecken (Spitzengeschwindigkeit
von mir zum Teil über 90 km/h) durchsetzt mit einigen extremen
Stichen, wo man durch die „Gravitationsbremse“ innerhalb
weniger Meter von über 70 km/h auf ca. 15 km/h heruntergebremst
wird. Dann folgt ein längerer nicht besonders schwerer Anstieg
mit ca. 5-7% Steigung. Dann wird es kurz flach, bevor die wirkliche
Herausforderung der Grünen Hölle wartet: Ein ca. 500 Meter
langer Anstieg mit bis zu 18 % (!) Steigung. Danach geht es wieder
bergab mit ein paar Gegenanstiegen, die ich aber fast alle mit dem
Großen Blatt fahren konnte. Ca. 3 km vor dem Ziel kam noch
eine fast unendlich lange Gerade, die gegen Ende hin wie eine Schanze
immer steiler wurde. Dazu kam, dass auf dieser Passage während
der ganzen 24 Stunden starker Gegenwind blies, wodurch sie noch
länger erschien, als sie war. Danach folgten noch zwei steilere
Stiche und dann ging es bergab ins Ziel. Noch zu erwähnen sind
die zwei Steilkurven, die man aber mit dem Rad nicht wirklich zur
Beschleunigung ausnutzen kann.
Insgesamt hat jede Runde auf der Nordschleife (so wie wir sie fuhren)
laut meinem Radcomputer (Im Zuge meines 24h-WR-Versuches habe ich
ihn ganz genau kalibriert) ganz knapp über 22 km durchsetzt
mit offiziell 500 HM. Und es war „Liebe auf die erste Befahrung“.
Mir gefiel der Kurs nicht nur, sondern ich wusste: „Das ist
mein Kurs und das wird mein Rennen!“. Über den Rückstand
durch den Spätstart machte ich mir keine Gedanken mehr, da
ich überzeugt war, viel besser zu sein, als alle anderen auf
diesem Kurs. Außerdem dachte ich bei mir, dass es doch eine
coole Story wäre, später zu starten, und dann trotzdem
zu gewinnen.
Das Rennen
Nach dieser ersten „Aufwärmrunde“, die ich aber
trotzdem in 45 Minuten fuhr bemühte ich mich, die Balance zwischen
absoluter Attacke, um den Rückstand aufzuholen, und ruhigem
Anfangstempo zu finden. Und ich kann sagen, dass mir das wirklich
perfekt gelang. Ich fuhr die ersten 3 Runden exakt nach Puls. Danach
steigerte ich das Tempo, und ich machte meinen Rückstand nach
und nach wett.
In der 11. Runde ging ich zum ersten Mal in Führung. Durch
einen Platten in der 12. Runde (mein erster Defekt während
eines Rennens in meiner bisherigen Radkarriere!) und eine ca. 10minütige
Umzieh- und Essenspause nach der 15. Runde verlor ich aber die Führung
wieder an Stefan Lau. Das erfuhr ich aber erst Mitte der 17. Runde.
Da wurde ich wirklich sauer. Ich knallte eine ganze Serie (17. bis
21.) von extrem schnellen Runden hin. Am Beginn der 22. Runde bekam
ich noch einmal Nudeln (Zum insgesamt 3. Mal während dieses
Rennens), und wieder setzte mein „Pasta-Turbo“ ein.
Es folgten weitere schnelle Runden (22 bis 25), bis ich mit über
einer Runde Vorsprung führte.
Die 26. Runde wollte ich dann eigentlich etwas langsamer fahren,
doch ich erwischte vor der langen Geraden eine sehr gute Gruppe
von Staffelfahrern. Diese Möglichkeit, Windschatten zu fahren,
konnte ich mir natürlich nicht entgehen lassen. Und so wurde
auch diese Runde sehr schnell. An dieser Stelle muss ich mich auch
noch bei all den extrem netten Staffelfahrern bedanken, die mich
als Einzelfahrer bei jeder Gelegenheit im Windschatten mitfahren
ließen. Meistens wurde ich sogar noch angefeuert oder bewundert.
Das hat sehr geholfen, und ich konnte dadurch nicht nur Kraft sparen,
sondern bekam sogar noch zusätzliche positive Energie. Also
danke Olav, Detlev, Sven und alle deren Namen ich nicht erfahren,
oder vergessen habe!
Noch einmal Vollgas
Wie gesagt, die 26. Runde war noch einmal sehr schnell, und ich
freute mich schon auf meine letzte Runde, die ich wirklich genießen
wollte, da ich mir sicher war, dass das Rennen schon längst
entschieden war. Doch dann gab es noch einmal Aufregung, da irgendetwas
mit der Zeitnehmung nicht zu stimmen schien.
Als ich in der Box kurz stehen blieb, sagten Claudia, Elfriede und
Max nur, dass ich anscheinend doch nicht so weit vorne bin, wie
es vorher geheißen hatte, und ich soll doch die letzte Runde
voll fahren, damit die Sache klar entschieden ist.
Zuerst ärgerte ich mich fürchterlich. Ich bangte um meinen
mir so wichtigen ersten Sieg. Alle möglichen Gedanken schossen
mir durch den Kopf. Aber dann gab ich Gas – und wie. Die 27.
und letzte Runde wurde meine schnellste in diesem Rennen. Ich fuhr
jede Steigung um einen Gang härter als das gesamte Rennen davor.
Zum Teil zeigte mein Radcomputer über 360 Watt an, und das
nach über 570 km und 13000 HM! Ich hängte auf der langen
Steigung sogar einen Staffelfahrer ab, und genau zum richtigen Zeitpunkt
(Am Beginn der langen Geraden) holte ich einen weiteren Staffelfahrer
ein. Ich erklärte ihm, warum ich so schnell unterwegs war,
und bat ihn, mir zu helfen. Er teilte mir mit, dass er eigentlich
nicht mehr kann, aber dann gab er Gas, dass es eine richtige Freude
war. Wir wechselten uns in der Führung ab, und nahmen die letzten
beiden Stiche mit dem großen Blatt bevor es Vollgas durchs
Ziel ging!
Das war ein unbeschreibliches Gefühl. Ich hatte für die
letzte Runde nur 43 Minuten gebraucht– eigentlich eine Wahnsinnszeit
wenn man frisch ist, aber am Ende so eines Rennens fast unglaublich.
Ich hatte das Gefühl, dass ich mir mit dieser Abschlussrunde
den Sieg noch ein weiteres Mal verdient hatte. Außerdem war
damit klar, dass ich während dieser 24 Stunden wirklich mit
Abstand der Stärkste auf „meinem“ Nürburgring
war.
Geschafft
Ich habe also am Nürburgring wirklich mein erstes Extremradrennen
gewonnen. Ich glaube, dass ich meine Leitung bei diesem Rennen wirklich
in die Kategorie Weltklasse einstufen darf, denn einem Stefan Lau
in 24 Stunden mehr als eine Stunde (eine Runde und 12 Minuten um
genau zu sein) abzunehmen ist wirklich ein Wahnsinn, vor allem wenn
man auch noch die Vorgeschichte und den Spätstart einrechnet.
Meine 27 Runden sind laut meinem Radcomputer etwas mehr als 594
km. Wenn man noch die Runde auf der neuen GP-Strecke dazurechnet,
so bin ich in den 23 h 23 min und 48 sec fast 600 km mit 13500 HM
gefahren. Laut offizieller Ergebnis liste waren es „nur“
576,08 km. (Nachtrag am 9.9.04: Mittlerweile wurde die offizielle
Streckenlänge korrigiert. Demnach bin ich den 23 h 23 min 48
sec exakt 606,114 km mit 13500 HM gefahren.) Jedenfalls ist meine
Leistung gleichzeitig auch ein neuer Streckenrekord auf dem Nürburgring,
da der Vorjahressieger „nur“ 25 Runden schaffte. Und
auch in den 60er und 70er Jahren, als es dieses Rennen schon regelmäßig
gab, schaffte niemand mehr Runden als ich.
Ergebnisliste:
| Rang |
Name |
Land |
Runden |
Zeit |
km |
| 1. |
Martin Grießner |
AUT |
27 |
23h 23min 48sec |
606,114 |
| 2. |
Stefan Lau |
GER |
26 |
23h 35min 14sec |
582,288 |
| 3. |
Cosmas Lang |
GER |
25 |
23h 22min 53sec |
559,975 |
| 4. |
Jürgen Rotthues |
GER |
23 |
23h 08min 20sec |
515,349 |
| 5. |
Thomas Stindl |
AUT |
22 |
23h 17min 31sec |
493,036 |
| 5. |
Kurt Peschke |
GER |
22 |
23h 17min 31sec |
493,036 |
Meine BetreuerInnen
Bei diesem Rennen habe ich auf den „männlichen“
Anteil in meinem Betreuerteam fast gänzlich verzichtet. Nur
mein großer Sohn Maximilian (11) war sozusagen als Glücksbringer,
aber auch als Helfer mit dabei.
Meine Lebensgefährtin Claudia und meine Schwester Elfriede
erledigten ihre Aufgaben als Betreuer wieder einmal megaperfekt.
Sie verloren in der hektischen Phase vor dem Rennen nie den Kopf,
versorgten mich während des Rennens immer mit allem was ich
gerade benötigte, hatten immer alles sofort griffbereit, auch
wenn ich plötzlich etwas ganz anderes brauchte, als vorher
angekündigt, und sie gaben mir vor allem immer die Sicherheit,
dass alles in Ordnung ist, und dass ich mich nur um meine Leistung
am Rad kümmern muss. Alles andere erledigten diese beiden führsorglichen
Frauen für mich. Auch ihre Leistung war absolute Weltklasse!
Vielen Dank für Alles!
P.S.: Und übrigens: Während des gesamten Rennens hatten
wir absolutes Sauwetter. Es Regnete immer wieder, und es war nicht
nur in der Nacht (10°C), sondern auch am Tag ziemlich kalt.
Die Sonne schien nur zwischendurch. Aber wie ihr ja wisst: „Es
gibt kein schlechtes Wetter, sondern nur schlechte Kleidung!“,
und Regen und Kälte haben mich noch nie gestört. Das hätte
ich bei der ganzen Euphorie um meinen ersten Sieg fast zu erwähnen
vergessen.